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Samstag, 13. Juni 2026
SERVICE
Schon mehr als 1.000 Leben gerettet
Der Verein Kitzretter e.V. in Hagen fliegt mit Drohnen Felder ab, um Rehkitze zu sichern, bevor der Landwirt die Wiese mäht
Miriam Dabitsch
Stefan Vogt (43) ist in diesen Tagen stark gefragt: Morgens und
abends rücken er und seine Vereinskollegen aus, um Leben zu retten. Sie überfliegen mit Wärmebild-Drohnen landwirtschaftlich
genutzte Flächen, um darin abgelegte Rehkitze aufzuspüren. Denn
wenn die Mähwerke kommen, bedeutet das den Tod für die jungen
Wildtiere.
Die Tage beginnen früh für die
sechs Piloten und rund 20 aktiven
Helfer des Vereins Kitzretter. Gegen 4, spätestens 5 Uhr sind sie
jetzt, zur Zeit der Frühlingsmahd,
unterwegs zu Landwirten, die sie
über die jeweils zuständigen Jagdpächter angefordert haben. Ihre
Mission: Große landwirtschaftlich
genutzte Wiesen mit einer Drohne
zu überfliegen, um mit Hilfe einer
Wärmebildkamera Rehkitze ausfindig zu machen. Die sind in den
ersten Wochen total hilflos. Die Ricke legt sie in Wiesen ab, weil sie
dort sicher vor Beutegreifern sind.
Nur zum Säugen kommt sie zurück, will ihren Nachwuchs nicht
zur Zielscheibe machen. Sie liegen
im tiefen Gras, deshalb sind sie
nur schwer zu sehen, sagt der Vereinsvorsitzende Stefan Vogt. Weiter erklärt er: Kitze sind von der
Natur so konditioniert, dass sie bei
Gefahr regungslos liegen bleiben,
sich quasi unsichtbar machen. Das
ist der angeborene Drückinstinkt.
Zu Anfang, weil ihre Beinchen sie
noch gar nicht tragen. Und wenn
sie davonspringen können, sind sie
meist noch zu langsam. Die landwirtschaftlichen Maschinen werden immer größer und schneller
und die Arbeitsbreite steigt, ergänzt Landwirt Christian Abel
(32), der die Kitzretter seit Jahren
vor der Mahd auf seinen Hof in
Breckerfeld bittet. Er ist dankbar
für die Arbeit der Ehrenamtler, erinnert sich noch an die Zeit vor der
Drohnenrettung.
Früher wurden riesige
Flächen zu Fuß abgegangen
Aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb, der
140 Milchkühe hält, hat Abel schon
früh die Wiesen, auf denen das
Futter für die Kühe wächst, gemeinsam mit seiner Familie und
Jägern zu Fuß abgesucht. Das war
schon aufwändig, erinnert sich
der 32-Jährige. Schließlich geht es
um eine Fläche, die in etwa so groß
ist wie 100 Fußballfelder (rund 70
bis 75 Hektar). Mit der Drohne
schaffen die Kitzretter die Kontrolle von bis zu drei Hektar übrigens
in fünf Minuten.
Anfang Juni machte ein Agrarunternehmen in Sachsen Schlagzeilen, weil es trotz der Warnung
von Anwohnern bei einer Mahd elf
Rehkitze übermäht hat. Das ist ein
Verstoß gegen § 17 des Tierschutzgesetzes - es drohen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder
eine Geldstrafe. Hinzu kommt
Stefan Vogt ist Vorsitzender des Vereins Kitzretter e.V. Hagen. Hier rettet er ein
Kitz.
Kitzretter e.V.
Die Kitzretter sind frühmorgens mit ihren Drohnen unterwegs, um Rehkitze in
Wiesen aufzuspüren und zu retten.
Kitzretter e.V.
noch, dass die Mahd des Agrarunternehmens womöglich umsonst
war. Bei Verwesung in Tierfutter
entsteht das Bakteriengift Botulinumtoxin, welches hochgiftig für
Rinder und Pferde ist, weiß der
Landwirt aus Breckerfeld. Neben
der ethischen Komponente sollte
schon dies Grund genug für alle
Landwirte sein, die Felder zu sichern.
Zurück zu Stefan Vogt: An diesem Morgen sind drei Teams unterwegs, die immer aus einem Piloten und zwei bis drei Helfern bestehen. Landwirte haben die Ehrenamtler um Hilfe gebeten.
Wenn es um Flächen geht, die wir
in der Vergangenheit schon einmal
kontrolliert haben, sind diese in
unserem UAV-Editor schon vorhanden, sagt der 43-Jährige. Das
bedeutet, dass das Navi der Drohne die Fläche schon kartographiert hat. Handelt es sich um eine
neue Fläche, muss diese zunächst
ins Programm eingespeist werden.
Danach errechnet es die kürzeste
Strecke, um die Fläche vollständig
zu überfliegen; erstellt sozusagen
den idealen Flugplan, sagt der
Drohnenpilot.
Vor Ort dann ist zunächst die
Technik gefragt. Die Drohne fliegt
mit Autopilot die errechnete Strecke ab, wir Piloten können natürlich jederzeit eingreifen, beispielsweise, wenn Bäume am Rand der
Wiese stehen und den Flug behindern, sagt Stefan Vogt. Auf dem
Bildschirm der Fernsteuerung
kann er Wärmeunterschiede im
Feld feststellen, die auf Lebewesen
hindeuten. Deshalb auch der Einsatz am frühen Morgen: Je höher
die Temperaturunterschiede zwischen Wiese und Tier, desto besser
können die Kitze aufgespürt werden. Alternativ sind die Kitzretter
am späten Abend im Einsatz.
Im Idealfall ist nichts festzustellen - das Team kann Entwarnung
geben. Oft aber ist das Gegenteil der
Fall. Finden wir ein Kitz, schnappen sich die Helfer des Piloten eine
Transportbox und spüren es im
Feld auf. Angefasst werden darf es
nur mit Einmalhandschuhen und
einer großen Lage Gras in den Händen, denn Rehkitze sind geruchlos
und das muss so bleiben, damit die
Ricke sie weiterhin annimmt und
sie nicht zur Beute von Füchsen
oder Greifvögeln werden. Deshalb
ist Körperkontakt mit den Tieren
absolut Tabu, sagt Vogt. Die Jungtiere werden dann in die Transportbox gesetzt und zum Feldrand in Sicherheit gebracht. Allein an diesem
Morgen haben die Kitzretter in und
rund um Hagen bei drei Einsätzen
17 Kitze gerettet. Es ist ein tolles
Gefühl, diesen wunderschönen Tieren zu begegnen und zu wissen: Du
darfst weiterleben, sagt Stefan
Vogt. Mehr als 1.000 Tiere haben
die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahren schon gerettet.
Das gibt ihm und seinen Vereinskollegen den Antrieb, auch morgen
wieder aufzustehen, wenn der Wecker im Morgengrauen klingelt.
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