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Samstag, 25. Juli 2026
SERVICE
Mit dem Rad rund um Taiwan
Irina Rohde tauscht Praxis und Klinik gegen Abenteuerreise
Miriam Dabitsch
Einige ihrer Freunde und Verwandten erklären sie für verrückt,
wenn Irina Rohde wieder einmal
ins Abenteuer aufbricht. Sie bereist allein die ganze Welt, war
schon in 55 Ländern. Ihr neuestes
Erlebnis: Sie hat Taiwan mit ihrem
Fahrrad umrundet. Davon erzählt
sie aus ihrem Camper, mit dem sie
aktuell in Skandinavien unterwegs
ist.
Neun Monate Zeit für ein Sabbatical hat sich die Psychologin und
Psychotherapeutin genommen.
Ich habe mit meiner Praxispartnerin eine eigene Praxis in EssenRüttenscheid und arbeite auch
noch in Herne als angestellte Psychotherapeutin im Bereich multimodale Schmerztherapie. Und so
reifte die Idee einer Auszeit und
Irina tauschte Ende Januar ihren
Praxis- und Klinikalltag gegen eine Abenteuerreise ein. Mit dabei:
ihr Gravel Bike. Denn nachdem die
Sprockhövelerin im vergangenen
Jahr auf dem Rad die Alpen überquert hatte, brauchte sie eine neue
Herausforderung. Nach intensiver
Recherche hatte sie die Umrundung Taiwans als ihr Ziel ausgemacht. Rund 1000 Kilometer Strecke mit 8000 zu überwindenden
Höhenmetern - eine gewisse Leidensfähigkeit muss man schon
mitbringen, sagt Irina und lacht.
Zehn Tage hat sie gebraucht,
und dabei den ostasiatischen Inselstaat und seine Einwohner ken-
nengelernt. Ich fahre mit circa 18
Kilometern pro Stunde, das ist für
mich die beste Geschwindigkeit,
um Eindrücke aufzunehmen. Und
die bietet das Land reichlich: Vom
flachen Tiefland im Westen bis zu
Steilküsten und Schluchten im Osten, vom Hochland mit mehr als
260 Gipfeln, die über 3.000 Meter
in die Höhe ragen bis zum tropischen Regenwald im Süden der Insel hat die Landschaft viel zu bieten. Hinzu kommen viele Sehenswürdigkeiten wie Pagoden und
Tempelanlagen, die die Deutsche
mit ihrem Rad angesteuert hat.
Besonders beeindruckend war es,
mit dem Rad ins Maul des Löwen
zu fahren, sagt Rohde. Sie hat an
Traumstränden und menschenseelenallein in den Bergen gepicknickt - dachte sie zumindest. Ich
hatte gerade mein Butterbrot und
mein Obst ausgepackt, als blitzschnell ein großer Affe aus dem
Nichts erschien und mein Proviant
klaute. Bis zu diesem Moment
hatte Irina überhaupt noch keinen
Affen wahrgenommen, erst in diesem Moment merkte sie, dass die
überall in den Bäumen saßen und
sie beobachteten. Also musste ich
hungrig weitere 50 Kilometer zum
nächsten 7-Eleven fahren. Diese
Läden sind weit verbreitet in Taiwan und mehr als nur Lebensmittelgeschäfte. Darin kann man vieles erledigen, von Geld abholen
über Lebensmittel kaufen, Tickets
erwerben bis hin zu Ausruhen bei
freiem WLAN. Irina Rohde hat sie
Irina Rohde hat in zehn Tagen mit dem
Rad Taiwan umrundet.
Irina Rohde
Irina Rohde picknickt im Fahrraddress
am Strand.
Irina Rohde
noch für etwas anderes Nützliches
entdeckt: Dort konnte ich meine
Klamotten trocken föhnen.
Drei Tage ist die Sprockhövelerin jeweils neun Stunden durch
Dauerregen gefahren. Sie hatte das
Pech, in einen Wintereinbruch zu
geraten. Normalerweise liegen
die Temperaturen in Taiwan im Februar zwischen 15 und 20 Grad, also ideales Fahrradwetter. Während ihrer Reise waren es eher acht
bis zehn Grad. Und weil ihr Gepäck
auf sieben bis acht Kilogramm
stark limitiert war, hatte sie nur
ein Thermoset dabei, dass sie dann
eben länger tragen und täglich trocken föhnen musste. Dieser Minimalismus macht der Psychologin
nichts: Auf so einer Reise besinnt
man sich auf wenige Grundbedürfnisse, die Natur genießen, essen,
schlafen, weiterfahren. Es ist erstaunlich, wie wenig man wirklich
braucht.
Mit im Gepäck waren auch Medikamente und Werkzeug zur
Fahrradreparatur. Allein sechs
Schläuche hatte Rohde dabei. Gebraucht hat sie davon glücklicherweise fast nichts. Ein bisschen
Creme gegen wunde Stellen, außerdem hat sich die Deutsche im
Dauerregen eine Erkältung eingefangen - nichts Ernstes, sagt die
Abenteurerin. Ihr Rad machte alles
mit, ob über Geröll, Wurzeln oder
durch Scherben auf dem Asphalt.
Dabei hatte Rohde vor Antritt der
Reise extra einen Kurs belegt, in
dem sie lernte, wie man Bremsscheiben am Fahrrad tauscht oder
einen Platten behebt. Erst später,
als ihr Gravel Bike wieder auseinandergeschraubt im Fahrradkoffer
lag, waren beide Reifen platt, erzählt die Abenteurerin.
Auch körperlich hatte sie sich
gut auf die strapaziöse Tour vorbereitet. Sechs Monate vor Antritt
der Reise hat Rohde begonnen,
fünfmal wöchentlich zu trainieren,
viel Ausdauertraining auf dem
Rad, Krafttraining sowie Yoga und
Pilates standen auf ihrem Trainingsplan. Das zahlte sich insofern
aus, als dass die Deutsche zumindest keinen Muskelkater verspürte. Einmal nahm sie in ihrem Fahrraddress sogar an einer taiwanesischen Hochzeit teil. Die Menschen dort sind so gastfreundlich,
und ich war als alleinreisende Europäerin auf dem Rad solch eine
Exotin, dass ich täglich eingeladen
wurde. Eben auch zu der Hochzeit, bei der sich Rohde zwar exotisch, aber willkommen fühlte. Ob
sie nie Angst habe, alleine als Frau
in fernen Ländern unterwegs zu
sein, wird sie oft gefragt. Die Antwort kommt voller Überzeugung.
Das weibliche Geschlecht ist der
protektive Faktor, ist die Psychologin überzeugt. Ob es der Instinkt
zu beschützen sei oder das Gefühl,
dass von Frauen weniger Gefahr
ausgeht als von einem Mann, jedenfalls wird die Alleinreisende
stets mit offenen Armen empfangen. Die Verständigung erfolgte in
Taiwan ausschließlich über Übersetzungs-Apps, denn sobald man
die Großstädte hinter sich lässt,
spricht kaum noch jemand Englisch. Auf ihrer zehntägigen Tour
hat sie keinen einzigen Europäer
getroffen. Übernachtet hat sie in
Hotels, denn Zelt und Schlafsack
wären wieder mehr Gepäck gewesen. Dort musste sie jeden Abend
erklären, warum sie ihr Rad mit
aufs Hotelzimmer nehmen möchte. Das konnten die Hoteliers
nicht nachvollziehen. Aber für
mich war das zu wertvoll und zu
wichtig, um es irgendwo abzustellen.
Nachdem es sie sicher zurück in
die Hauptstadt Taipeh gebracht
hatte, ging es für die reiselustige
Deutsche weiter auf die Malediven, nach Thailand, Neuseeland,
Tasmanien, die Cook-Inseln, Raja
Ampat in West Papua und nach
Bali. Immer mittwochs arbeitet sie
mobil, denn ihre Aufgaben in der
Gemeinschaftspraxis gehen weiter.
Nur Patienten behandele ich
nicht, sagt Irina Rohde.
Inzwischen hat die zweite Hälfte
ihres Sabbaticals begonnen und sie
ist mit dem Wohnmobil nach Norden aufgebrochen, wo sie bis zum
Nordkap fahren möchte. Zurück
geht es dann über die baltischen
Staaten (Gesamtstrecke zwischen
15.000 und 20.000 Kiloemtern), bevor Anfang November wieder Patienten und Therapien auf sie warten.
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