FUNKE Hamburger Wochenblatt Kalenderwoche 37
Sonnabend, 12. September 2026
LANDES- & LOKALPOLITIK
Streit um Hamburger NSU-Akten
Untersuchung im Auftrag der Linken: Generalbundesanwalt hält Akten vor Forschungsgruppe zurück.
David Walter
,
Hamburg. Vor 25 Jahren wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg ermordet. Die Ermittler gingen lange Zeit davon aus, dass die Organisierte Kriminalität hinter der Tat
stecken würde. Auch die Familie
des Opfers wurde verdächtigt.
Heute ist klar: Die Täter gehörten
Wer die offenen Fragen
zum Mord an
Süleyman Taşköprü
und zu möglichem
Behördenversagen
wirklich aufklären will,
muss die Konsequenz
ziehen: Hamburg
braucht endlich einen
NSU-Untersuchungsausschuss.
Deniz Celik (Linke)
innenpolitischer Sprecher der
Linksfraktion in der Hamburgischen
Bürgerschaft
Eine Stele erinnert auf dem Platz der Republik in Altona an die Ermordung von Süleyman Tasköprü durch den NSU.
Roland Magunia / FUNKE Foto Services
zur rechtsextremen Terrorgruppe
Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).
Die Familie des Ermordeten fordert einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA), um
den Fall aufzuklären, doch der
Hamburger Senat entschied sich
dagegen. Stattdessen wurde 2024
eine wissenschaftliche Forschungsgruppe mit der Aufarbeitung des NSUMordes beauftragt
doch die stößt auf Widerstand.
Wichtige Ermittlungsakten werden durch den Generalbundesanwalt nicht ausgehändigt. Aber hätte ein Untersuchungsausschuss
höhere Chancen gehabt, die Akten
zu bekommen? Mit dieser Frage
hat sich der Wissenschaftliche
Dienst des Bundestages im Auftrag der Linken-Bundestagsabgeordneten Cansu Özdemir befasst.
Genauer gesagt hat er untersucht,
wie sich die Rechtsstellung eines
Untersuchungsausschusses und eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts gegenüber der
Bundesanwaltschaft unterscheidet.
Der wissenschaftliche Dienst
kommt zu dem Ergebnis, dass ein
Untersuchungsausschuss grundsätzlich
uneingeschränkten
Rechtsanspruch auf Aktenvorlage hat. Eingeschränkt werden
könne dieser nur durch wenige
aus der Verfassung folgende eng
umgrenzte Schranken. Wissenschaftliche Forschungsgruppen
haben dagegen nach § 476 Strafprozessordnung (StPO) keinen
materiellen Rechtsanspruch. Der
Paragraf regelt lediglich die Zulässigkeit einer Datenübermittlung im Rahmen des pflichtgemäßen Ermessens der zuständigen
Stelle, heißt es weiter.
Laut Wissenschaftlichem Dienst
hätten Untersuchungsausschüsse
gegenüber der Bundesanwaltschaft eine stärkere und weitreichendere Rechtsposition inne als
wissenschaftliche Forschungspro-
jekte. Das Gutachten nimmt der
rot-grünen Ausrede den Boden:
Ein Forschungsprojekt ist kein Ersatz für einen Untersuchungsausschuss, sagt Deniz Celik, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft.
Forschende sind auf eine Ermessensentscheidung angewiesen, während ein Untersuchungsausschuss einen verfassungsrechtlich abgesicherten Anspruch auf
Aktenvorlage hat, sagt Celik weiter. Der aktuelle Streit um die
NSU-Akten zeigt damit vor allem
eines: SPD und Grüne haben sich
bewusst für das schwächere Instrument entschieden.
Was der Wissenschaftliche
Dienst allerdings auch betont:
Hierbei geht es um parlamentarische Untersuchungsausschüsse
des Bundestages. Aktenzugangsrechte von Untersuchungsausschüssen der Landesparlamente
gegenüber der Bundesanwaltschaft werden nicht thematisiert,
heißt es weiter.
Laut einer Mitteilung der Hamburger Linken würde das Ergebnis
jedoch widerlegen, dass Untersuchungsausschüsse und wissenschaftliche Forschungsprojekte gegenüber der Bundesanwaltschaft
pauschal über eine vergleichbare
Rechtsstellung verfügen würden.
Wer die offenen Fragen zum
Mord an Süleyman Taşköprü und
zu möglichem Behördenversagen
wirklich aufklären will, muss die
Konsequenz ziehen: Hamburg
braucht endlich einen NSU-Untersuchungsausschuss, sagt Celik
weiter.
Das Hamburger Bündnis gegen
Rechts ist mittlerweile an die Unterlagen gelangt und hat nach eigenen Angaben 196 Ermittlungsunterlagen auf einem Datenstick
an Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) übergeben. Veit bedankte sich und versprach, den
Datenstick sicher zu verwahren.
Den Inhalt werde sie sich aber
nicht ansehen, da jeder Umgang
mit den unter Verschluss gehaltenen Akten strafbewehrt sei.
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