FOTOS: FRANZISKA NEHMER, JULIA VOIGT
GESUNDHEIT 5
Frau ist so ausgelegt, dass brusterhaltend
operiert werden kann. Doch zuerst steht für
die zweifache Mutter die Chemotherapie
an. Alle drei Wochen, sechs Behandlungen
insgesamt, danach sollte der Tumor hoffentlich deutlich kleiner sein. Mir wurde
gesagt, dass die Heilungschancen gut sind,
wenn der Tumor auf die Behandlung reagiert, erinnert Monique sich. Ihren Blumenladen muss sie aufgeben.
Die Chemo bekommt die Wahl-Flensburgerin direkt in der Praxis. Du sitzt da
stundenlang, während ein Monstercocktail
in deine Adern fließt, und du hast keine
Ahnung, was danach sein wird. Die erste
Behandlung verträgt Monique noch relativ gut. Gegen die Übelkeit und andere
Nebenwirkungen verschreibt man ihr Medikamente. Schon bald fallen die langen
rotbraunen Haare aus und ihre Friseurin
rasiert ihr den Kopf kahl. Das war furchtbar. Auf einmal erkennst du dich selbst
nicht mehr und nun sieht jeder, dass du
krank bist. Auch die Nebenwirkungen
der Chemo werden mit jeder Behandlung
schlimmer. Es gab Tage, da konnte ich nur
noch auf allen Vieren kriechen. Monique
bekommt quälende Nervenschmerzen, sie
kann nichts mehr schmecken, nichts mehr
riechen. Auch das Lesen fällt ihr schwer,
und sie kann nicht ruhig schlafen. Ich
musste nachts oft mehrmals die durchgeschwitzte Bettwäsche wechseln. An ganz
schlimmen Tagen liegt sie nur regungslos
im Bett, atmet kaum. Keine Minute jedoch
gibt sie die Hoffnung auf. Mir ging es jedoch manchmal so schlecht, dass ich glaubte, das überlebe ich nicht. Doch die Gedanken an ihre beiden Mädchen lassen sie
weiterkämpfen. Sie waren noch so klein,
wenn ich das nicht geschafft hätte, hätten
sie heute keine Erinnerung mehr an mich.
Monique aber will den ersten Schultag miterleben, will ihre Töchter im Brautkleid sehen. All das war ja noch gar nicht passiert.
So gut es geht, versucht sie, die Kinder von
allem fernzuhalten. Ihre Schwiegereltern
und ihr Mann sind es, die sich die meiste
Zeit um die Beiden kümmern.
Drei Chemobehandlungen später, stellt sich
heraus, ob der Tumor auf die Therapie anspricht. Er war Gott sei Dank ein ganzes
Stück geschrumpft, sagt Monique und
auch heute noch ist ihr die Erleichterung
deutlich anzusehen.
Am Tag der Operation ist Monique zuversichtlich. Ich war einfach so dankbar, dass
ich jetzt von diesem fiesen Ding befreit werde. Die OP verläuft nach Plan. Auch die
Sorge, eine entstellte Brust danach zu haben, bestätigt sich für die Patientin nicht.
Ich lebe heute viel bewusster. Die Flensburgerin
Monique W. hat einen langen Heilungsweg hinter sich.
Sie war nur sehr geschwollen und das über
Monate hinweg. Viel Zeit für Erholung
bleibt Monique nicht, denn schon bald
muss sie jeden Tag zur Bestrahlung gehen.
Das war mir dann aber fast egal, denn ich
hatte es geschafft und das gab mir so viel
Kraft.
Um näher bei den Schwiegereltern zu sein,
zieht die Familie nach Kiel und kauft ein
renovierungsbedürftiges Haus. Das war
ein großer Fehler, ich hatte mich noch
überhaupt nicht erholt, sagt Monique.
Und bald beginnt sie für ein paar Stunden
die Woche in einem Laden für Kinderbekleidung zu arbeiten. Das war alles viel zu
früh, das kann ich niemanden raten. Monique braucht lange, um sich körperlich,
aber auch seelisch zu erholen. Sie ist schnell
erschöpft, oft unkonzentriert, vergesslich.
Ich konnte mir beim Einkaufen keine fünf
Teile merken. Auch bekommt sie die ersten Wochen immer wieder Panikattacken
und kann Menschenansammlungen nur
schwer aushalten. Außerdem spielen die
Hormone verrückt. Am Anfang trägt Monique noch eine Langhaarperücke, die sie,
als die ersten eigenen Haare wiederzusehen
sind, weglässt. Ich hatte so ein Selbstbewusstsein entwickelt, sagt sie stolz. Zwei
Jahre später zieht die Familie auf Moniques
Drängen wieder nach Flensburg. Meine
Familie hat mich für verrückt erklärt, aber
ich wollte unbedingt zurück.
Wenn sie jetzt, bald 13 Jahre nach der Diagnose, von ihrem Heilungsweg erzählt, ist
Monique ganz bei sich. Ich lebe heute viel
bewusster, auch mit meinen Kindern. Ich
weiß, wie schnell alles vorbei sein kann.
Schwer war es für sie, dass sich einige
Freunde während der Erkrankung von ihr
abgewandt haben. Das war für mich eine
Vollkatastrophe. Doch es gab auch völlig
fremde Menschen, die ihr wiederum zur
Seite standen. In so einer Zeit zeigt sich,
wer wirkliche Freunde sind. Was sie Angehörigen und Bekannten von Betroffenen
gern sagen würde? Geht auf die Erkrankten
zu, fragt, was sie gerade brauchen, sprecht
offen miteinander.
Monique ist jetzt 45 Jahre alt. Einmal im
Jahr muss sie zur Kontrolle. Davor bin ich
schon angespannt. Ansonsten denke ich
kaum mehr daran. Angst, dass der Krebs
wiederkommt, hat sie nicht. Heute macht
sie viel Sport, hat gerade ihren Traumjob
gefunden, geht gern mit Freunden aus und
ist, wie sie selbst sagt, einfach glücklich.
// Julia Voigt
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