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LANDKREIS HILDESHEIM
KEHRWIEDER am Sonntag 3. / 4. Oktober 2026
Die Landkarte nach der Wahl:
Nach den Stichwahlen um
das Amt des Landrates und acht
Bürgermeister-Posten sind die
künftigen politischen Verhältnisse in
Kreis und Kommunen endgültig klar.
Auf Kreisebene steht heute ein erster
wichtiger Schritt an, SPD und Landrat
stehen vor der Frage: eher links oder
eher mittig? Unterdessen brachte der
Wahltag Erkenntnisse jenseits
der nackten Zahlen.
Frauenanteil steigt
Nur zwei der 18 Städte und
Gemeinden im Landkreis Hildesheim werden bislang von Frauen
geführt, nach Beginn der neuen
Wahlperiode am 1. November
werden es fünf sein so viele wie
nie zuvor in der Geschichte des
Landkreises.
Die Amtsinhaberinnen Heike
Brennecke (Sarstedt, SPD) und
Nicole Dombrowski (Nordstemmen, parteilos) verteidigten ihre
Chefsessel in den jeweiligen Rathäusern. Neu hinzu kommen
Daniela
Niggemann
(SPD,
Alfeld), Kerstin de Ruiter (parteilos, nominiert von der SPD, Giesen) und Hanna Sander (parteilos, nominiert von SPD und
CDU, Elze). In den Stichwahlen
scheiterte zudem mit der parteilosen, von der CDU unterstützten
Nina Ceglarek in der Gemeinde
Sibbesse eine weitere Frau nur
ganz knapp.
Person schlägt Tradition
Ein SPD-Mitglied als Bürgermeister der Gemeinde Algermissen? Das schien über Jahrzehnte
völlig unvorstellbar. Die Kommune war so fest in CDU-Hand
wie kaum eine andere. Und bis
heute können die Christdemokraten bei Wahlen in der Regel
die meisten Stimmen für sich
gewinnen, wenn auch nicht in
früheren Dimensionen. Bei der
Kreistagswahl und bei der
Gemeinderatswahl lag die CDU
auch diesmal wieder, wenn auch
knapp, vor der SPD. Zudem war
Algermissen eine der wenigen
Kommunen, in denen der von
der CDU nominierte Landratskandidat Christopher Gedeon
zumindest im ersten Wahlgang
vorn lag.
Doch bei der Bürgermeisterwahl war alles ganz anders. SPDMann Lars Zeugner verfehlte im
ersten Wahlgang die absolute
Mehrheit nur ganz knapp und
gewann nun die Stichwahl
gegen CDU-Kandidat Jörg
Mumme haushoch. Der Unterlegene führte als Erklärung nicht
zuletzt fehlenden Rückenwind
für die CDU auf Bundesebene ins
Feld nur: Den dürfte Lars Zeugner von seiner SPD auch nicht
bekommen haben. Vielmehr
scheint die Erklärung in seiner
Person zu liegen. Zeugner hat
durch seine bisherige kommunalpolitische Arbeit etwa als
Ortsbürgermeister von Lühnde
und auch durch seine Art so
überzeugt, dass die Wählerinnen
und Wähler die Person über ihre
grundsätzlichen
politischen
Positionen stellten. Vergleichbar
ist die Lage in Sibbesse oder Giesen, wo ebenfalls SPD-Bewerber
in tendenziell eher der CDU
zuneigenden
Gemeinden
gewannen.
Bürgermeisterwahlen locken
Die Wahlbeteiligung bei der
Stichwahl war erwartungsge-
mäß deutlich niedriger als bei
der allgemeinen Kommunalwahl
vor zwei Wochen. Doch es gab
erhebliche Unterschiede zwischen Kommunen, in denen es
auch noch Stichwahlen um das
Bürgermeisteramt gab, und solchen, in denen das Ringen ums
Rathaus schon entschieden war.
In Zahlen: In den acht Kommunen mit Bürgermeister-Stichwahlen ging die Wahlbeteiligung im Durchschnitt gegenüber dem ersten Durchgang um
15,3 Prozentpunkte zurück, in
den zehn Kommunen ohne Bürgermeister-Stichwahl dagegen
um satte 29,1 Prozentpunkte.
Mit Abstand am geringsten war
der Rückgang bei der Wahlbeteiligung in Bockenem. Er machte
dort lediglich 7,6 Prozentpunkte
aus. Mit 65,5 Prozent war die
Beteiligung für eine Stichwahl
außergewöhnlich hoch. Viel
spricht dafür, dass dort vor allem
viele Menschen noch einmal zur
Wahl gingen, um einen Sieg des
AfD-Kandidaten Felix Mull zu
verhindern, der tatsächlich seinen Stimmenanteil gegenüber
der ersten Runde nur minimal
steigern konnte.
Ging es hingegen nur noch
um die Landratswahl, lockte das
deutlich weniger Wählerinnen
und Wähler noch einmal an die
Urne. Am heftigsten war der
Rückgang in der Gemeinde Giesen, wo die Beteiligung um 31,9
Prozentpunkte
zurückging,
sowie in der Gemeinde Holle und
der Samtgemeinde Leinebergland (jeweils minus 31,7 Prozentpunkte). Besonders in der
Kreisstadt Hildesheim erwies
sich die Landratswahl eher als
Nischenthema. Ganze 32,8 Prozent der Wahlberechtigten
stimmten noch einmal ab, weniger als ein Drittel also. Mit der
Situation vor fünf Jahren ist dieser Aspekt nicht vergleichbar.
Seinerzeit fand parallel zu den
Stichwahlen eine Bundestagswahl statt.
Parteien zählen doch noch
Bislang ist die Mehrheit der 18
Bürgermeister im Landkreis Hildesheim parteilos, nämlich zehn
von ihnen. Die SPD stellt bislang
fünf Rathaus-Chefs, die CDU
drei. Doch der Trend hin zu
immer mehr Bürgermeisterinnen
und Bürgermeistern ohne Parteibuch ist gebrochen: Künftig gibt
es neun Parteilose, sechs sozial-
SARSTEDT
GIESEN
HARSUM
HILDESHEIM
NORDSTEMMEN
SÖHLDE
SCHELLERTEN
ELZE
DIEKHOLZEN
BAD
SALZDETFURTH
HOLLE
LEINEBERGLAND
SIBBESSE
BOCKENEM
ALFELD
LAMSPRINGE
SPD
CDU
PARTEILOS
Aufholen bleibt möglich
Wer nach dem ersten Wahlgang
vorn liegt, mag als Favorit in die
Stichwahl gehen eine Garantie
hat er nicht. Das erfuhr vor fünf
Jahren der Sibbesser CDU-Kandidat Stefan Kentzler schmerzlich, als er den heutigen Bürgermeister Hans-Jürgen Köhler
(SPD) in der zweiten Runde trotz
eines ordentlichen Vorsprungs
noch an sich vorbeiziehen lassen
musste. Diesmal erwischte es
gleich zwei Bewerber, die nach
dem ersten Wahlgang vorn
lagen: Andreas Behrens (CDU) in
Alfeld und Martin Hauk (SPD) in
Lamspringe, die beide allerdings
nach dem ersten Wahlgang auch
nur sehr knapp vorn gelegen
hatten. In Sibbesse indes blieb es
Bürgermeister Köhler nur knapp
erspart, diesmal selbst Opfer
einer Aufholjagd zu werden.
ALGERMISSEN
KREIS HILDESHEIM
(Landrat)
Kewi-Grafik Lisa Aschemann
Quelle Votemanager
Kreis HildesHeim. Alle Stimmzettel sind ausgezählt, die Suche
nach Mehrheiten im Kreistag
und in den jeweiligen Räten
beginnt und die Analyse der
Wahlergebnisse. Die Stichwahlen am Sonntag lieferten dabei
eine ganze Reihe interessanter
Erkenntnisse.
demokratische und drei christdemokratische Verwaltungschefinnen und -chefs. Denn: Zwar löste
in Giesen eine Parteilose einen
CDU-Mann ab doch dafür
ersetzen Parteimitglieder in
Algermissen (Lars Zeugner, SPD)
und in Lamspringe (Matthias
Nicht, CDU) Amtsinhaber ohne
Parteibuch.
Überhaupt ist die immer noch
hohe Anzahl von parteilosen
Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern nicht automatisch ein
Indiz dafür, dass die Wählerinnen und Wähler Menschen ohne
Parteibindung solchen mit Parteimitgliedschaft
vorziehen.
Sicher, zum Beispiel in Bockenem und Nordstemmen war das
eindeutig so. Aber in den meisten Kommunen wurden die parteilosen Wahlgewinner auch von
SPD oder CDU oder sogar beiden
und zum Teil sogar noch weiteren Parteien oder Gruppierungen
unterstützt: in Bad Salzdetfurth,
Giesen, Elze, Söhlde, Freden und
Harsum.
Verwaltung ist kein Muss
Der
muss
Bürgermeisterkandidat
Verwaltungserfahrung
FREDEN
haben oder zumindest Jurist
sein das war lange ein regelrechtes Mantra vor allem von
SPD und CDU, mit dem sie mitunter
auch
begründeten,
warum sie ihren Mitgliedern
parteilose Kandidaten vorschlugen. Umgekehrt kam aus
Teilen der Gesellschaft oft die
Forderung nach einem frischen Blick von außen.
Tatsächlich hat die Verwaltungserfahrung als Kriterium
offenbar an Bedeutung eingebüßt: Marco Falke (Bad Salzdetfurth) ist Manager bei einem
Automobilzulieferer, Jens Lüer
(Bockenem) Unternehmensberater und Matthias Nicht (Lamspringe) Tischlermeister. Auch
unter den in den Stichwahlen
unterlegenen Bewerbern waren
einige aus der freien Wirtschaft.
Rotgrün dominiert offenbar nur
ohne AfD
An einer strukturellen rot-grünen Mehrheit im Landkreis Hildesheim sind in den vergangenen Jahrzehnten schon diverse
Landratskandidaten der CDU
gescheitert. Oft war es so, dass
auch die Grünen einen Bewerber
aufstellten. Das führte dazu, dass
es anschließend zu Stichwahlen
zwischen den Aspiranten von
Sozialdemokraten und Christdemokraten kam, wobei Erstere
stets das bessere Ende für sich
hatten. Weil eben die Wähler der
Grünen im zweiten Wahlgang,
wenn sie denn zur Wahl gingen,
in deutlich stärkerem Maße für
den SPD-Kandidaten stimmten
als für den der CDU. Das war
auch diesmal nicht anders.
Der Unterschied zu vorherge-
henden Wahlen lässt sich allerdings am Ergebnis der Kreistagswahl ablesen. Diese strukturelle
Mehrheit von Rot-Grün greift
wohl nur noch dann, wenn die
AfD nicht mit im Topf ist. Es ist
sozusagen eine Mehrheit jenseits
der Brandmauer, die bei den
Landratswahlen möglicherweise
auch deshalb so stabil ist, weil
AfD-Unterstützer tendenziell die
Stichwahl gemieden haben
weil sie dort kein für sie interessantes Angebot mehr vorfanden.
Die Landratswahlen lassen sich
nicht ohne Wähler aus Hildesheim gewinnen
Etwa ein Drittel der Wahlberechtigten der Landratswahl lebt in
Hildesheim: Insgesamt waren
bei den beiden Wahlgängen
kreisweit rund 220.000 Menschen dazu aufgerufen, ihre
Stimmen abzugeben, darunter
allein etwa 77.000 aus der Kreisstadt selbst eine relevante Größe, sollte man meinen. Offensichtlich sahen das der alte und
neue Landrat Bernd Lynack und
dessen Herausforderer Matthias
Brinkmann von den Grünen
genauso, beide waren im Wahl-
kampf regelmäßig in der Stadt
unterwegs. Das hat sich auch in
ihren Ergebnissen niedergeschlagen. Der von der CDU
nominierte, parteilose Christopher Gedeon sagte auf Anfrage
dieser Zeitung, auch er habe in
Hildesheim viele Termine wahrgenommen, viele davon mit
nicht parteipolitischem Hintergrund. Der Landkreis sei aber
groß, und er habe seine Präsenz
zwischen der Stadt und den
anderen 17 Gemeinden nach
besten Möglichkeiten aufgeteilt.
In der öffentlichen Wahrnehmung fand Gedeon allerdings in
Hildesheim kaum statt, sondern
war vor allem im Kreisgebiet im
Einsatz was unter anderem
erklären könnte, warum er bei
der Stichwahl in Hildesheim
lediglich 26,21 Prozent der Stimmen holte und damit (wie schon
im ersten Wahlgang) sein
schlechtestes Gemeindeergebnis
einfuhr, Lynack hier dagegen mit
73,79 Prozent sein bestes Resultat kreisweit erreichte. Klar ist:
Gedeon hat in beiden Wahlgängen im Kreisgebiet nicht genug
Stimmen gesammelt, um seinen
Rückstand aus Hildesheim auszugleichen.
abu, tw, br
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