021
MAGAZIN
CMO OF
THE YEAR
2022
WENN es in der Werbebranche eine definitive Witzfigur
gibt, dann ist es der Mann mit der sprichwörtlichen bunten
Krawatte. Das Bild wird nach wie vor sehr gern bemüht,
um den Marketingchef neuester Bauart abzugrenzen von
seinen leichtgewichtigen Vorgängern. Früher, so geht das
Klischee, war ein Marketingchef vor allem damit beschäftigt, zu irgendwelchen Shootings rund um die Welt zu
fliegen, bei Showevents bella figura zu machen und in
Meetings irgendein Zeug zu reden, das echte Manager
beim besten Willen nicht ernst nehmen konnten.
Wie anders der CMO von heute! Der CMO von heute
ist anschlussfähig im Unternehmen, weil er nicht nur die
so schillernde wie oberflächliche Sprache der Kreativen
spricht, sondern auch die der Finanzchefs und IT-Experten. In gewichtig daherkommenden Strategiepapieren mit
Titeln wie Predictions 2023: B2C Marketing diktieren
Berater den Marketingleuten in den digitalen Notizblock,
was sie heute alles können müssen. Zum Beispiel ihre
Organisation agilisieren, Daten tracken und analysieren,
Communitys managen und Customer Journeys optimieren. Beziehungsweise, um es gleich in den Worten der
Marktforscher von Forrester zu sagen: Der CEO braucht
ein neues Rollenbild weg vom schnöden Abteilungsleiter,
hin zum Manager eines beweglichen und in Teilen selbstständigen Ökosystems.
Ganz falsch ist das alles nicht. Was stimmt: Im boomenden E-Commerce wachsen Vertrieb und Marketing
zusammen. Und dass die Generierung von First-PartyData sowie MarTech immer wichtiger werden wer wollte
das ernsthaft bestreiten?
ABER, und das ist ein ziemlich großes Aber: Dabei sollte
man nicht vergessen, dass die Marketingleute auch Dinge
können müssen oder sollten, die sonst niemand im Unternehmen kann. Zum Beispiel, und jetzt wird es richtig
altmodisch: Sie müssen in der Lage sein, die aktuellen
Codes in der Gesellschaft zu verstehen, also die Wünsche
und Sehnsüchte der Verbraucher; sie müssen die Kunst
beherrschen, eine Marke klug zu positionieren und ihren
Wert zu steigern; sie müssen dafür sorgen, dass eine Marke
öffentlich sichtbar ist und in den Köpfen der Menschen
etwas auslöst statt eine aberwitzige Zahl von perfekt
ausgesteuerten Content Pieces zu produzieren, die wirkungslos im digitalen Nirwana verpuffen.
All das funktioniert nur mit menschlicher Intelligenz
und Expertise und nicht mit KI-gefütterten Tools. Und ja,
auch das gehört noch immer dazu: klassische Kampagnen
auf die Straße zu bringen. So toll es ist, die Customer
Journey immer granularer zu durchdringen und holistisch zu steuern noch sehr viel wichtiger ist es, eine
zündende Idee für die einzelnen Touchpoints zu haben.
Selbst Mediaagenturen sprechen inzwischen ja davon, dass
der Erfolg einer Kampagne zu 50 bis 70 Prozent von der
Kreation abhängt und eben nicht von irgendwelchen BigData-Kunststücken.
KURZ: Es geht nicht nur darum, bestehende Systeme
und Media-Distributions-Ketten zu optimieren, sondern
vielmehr darum, neue Ideen zu haben, die etwas bewegen.
Um nicht missverstanden zu werden: Ja, es geht natürlich
nicht um Entweder-oder. Man braucht schon alle drei:
kühle Rechner, schlaue Data-Analysten und kreative Köpfe. Die These hier aber lautet, dass die Balance nicht mehr
richtig stimmt. Beziehungsweise dass sich immer mehr
Leute im Maschinenraum tummeln und es oben auf dem
Sonnendeck, wo Licht scheint und Ideen frei flottieren,
zunehmend menschenleer ist. Und noch etwas: Zum alten
Bild eines Marketingmanagers gehörte auch, in seiner ureigensten Disziplin auf der Höhe der Zeit zu sein. Wozu
eben auch gehört, Autoren wie Byron Sharp und Karen
Nielsen-Field zu lesen. Tatsächlich sind heute eine Reihe
von Vorstellungen en vogue, die oft in die falsche Richtung
führen. Um drei zu nennen:
Der Glaube, man müsse seine Werbebotschaften nur
immer weiter personalisieren, um die Werbewirkung zu
steigern, ist ein Irrglaube. Ein Hit ist ein Hit, wenn man so
viele Menschen wie möglich bewegt. Das gilt für Popmusik, Filme sowie für Werbung und Marketing. Große
Marken brauchen große Ideen.
Marketingleute überschätzen die Bedeutung von Fans
und Brand Advocats. Die Love Brand ist ein romantisches Marketing-Konstrukt, das in der Realität nur äußerst
selten anzutreffen ist, sagt Marcus Caspar von Dentsu.
Was aber funktioniert, sind Stars und Influencer, die eine
Marke promoten. Das ist klassisches Marketing (Menschen orientieren sich an Menschen) und nicht Community-Management (Menschen können nicht genug davon
bekommen, mit Marken zu interagieren).
Mit Byron Sharp: Marken wachsen nicht dadurch, dass
sie aus Fans noch größere Fans machen, sondern dass sie
möglichst viele Light Buyer erreichen. Das schaffen große Reichweiten, also klassische Massenkommunikation,
und die Steigerung der mentalen Verfügbarkeit einer
Marke und kein Hardcore-Targeting.
Will sagen: Es braucht keine Marketer mit dem Mindset
von Controllern und IT-Nerds, sondern schlaue, inspirierte Köpfe, die wissen, was Marketing und Werbung im
Innersten zusammenhält. Entsprechend sollte auch der
Marketingchef neuer Prägung ein bisschen was von dem
haben, wofür seine Vorgänger standen. Man muss sich
nicht gleich eine bunte Krawatte umbinden ein offenes
Hemd und weiße Sneaker tun es auch. JÜRGEN SCHARRER
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