HILDESHEIM
KEHRWIEDER am Sonntag 4. / 5. Juli 2026
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Einige Häuser in Hildesheim stehen seit Jahren leer. Das soll sich durch die Zweckentfremdungssatzung ändern.
FOTO: WERNER KAISER
Stadt will mit Bußgeldern gegen
Wohnungsleerstand vorgehen
Rot-grüne Ratsmehrheit beschließt nach jahrelanger Vorgeschichte eine umstrittene Satzung.
CDU und FDP sind weiter dagegen, die Oberbürgermeister Meyer stimmt dafür.
HILDESHEIM. Nach einer kontro-
versen Diskussion hat der
Stadtrat mehrheitlich eine
Zweckentfremdungssatzung
beschlossen. Damit erhält die
Verwaltung die Möglichkeit,
Hauseigentümern und Hauseigentümerinnen ein Bußgeld
aufzuerlegen, wenn sie zum
Beispiel Wohnraum mehr als
sechs Monate leer stehen lassen, mehr als die Hälfte des
Wohnraums für berufliche oder
gewerbliche Zwecke nutzen
oder die Wohnung mehr als
zwölf Wochen im Jahr als
Ferienwohnung vermieten. Es
kann aber Ausnahmen geben,
beispielsweise während einer
Instandsetzung. Die Satzung
tritt am 1. Januar 2027 in Kraft
und gilt zunächst für drei Jahre. Ziel ist es, leerstehende
Wohnungen wieder auf den
Markt zu bringen. Nach Erhebungen der Verwaltung sind
rund 1300 Wohnungen im
Stadtgebiet längerfristig ungenutzt.
Nach jahrelanger Diskussion
schaffe die Satzung nun eine
Handhabe, dem Wohnungsmangel
entgegenzuwirken,
erklärte Volker Spieth (Bündnis
90/Die Grünen). Neue Baugebiete wie am Wasserkamp,
wenn sie denn verwirklicht
würden, könnten erst in Jahren
für Entspannung auf dem
Wohnungsmarkt
sorgen.
Dagegen helfe die Zweckentfremdungssatzung kurzfristiger. Die Androhung von Bußgeldern könnte eine Kommunikation in Gang bringen mit
Eigentümern und Eigentümerinnen, die sonst auf Anschreiben der Stadt einfach nicht
reagierten, meinte Hamun Hirbod (PARTEI). Leerstände verknappen
das
Angebot,
ergänzte Ralf Jürgens (Linke),
das treibe Mietpreise in die
Höhe.
Dennis Münter (CDU) hatte
den Widerstand seiner Fraktion
gegen den Erlass schon in der
vorangegangenen Sitzung des
Stadtentwicklungsausschusses
klargemacht. Wir können das
nur ablehnen, betonte er auch
am Montag im Rat. Münter erinnerte daran, dass die Verwaltung
noch im Oktober 2025 selbst
Zweifel an der Rechtssicherheit
und Wirksamkeit einer solchen
Satzung angeführt hatte. Die
CDU setze lieber auf Förderung
und Neubau. Frank Wodsack
(CDU) erinnerte an die eigenen
Zweifel der Stadt im vergangenen Jahr. Der Gedanke hinter
der Satzung sei zwar richtig,
meinte Michael Kriegel (FDP),
aber das funktioniert so nicht.
Bernd Lücke (Gemeinsam plus)
bemängelte, die am Landesgesetz orientierte Satzung passe
eher für Feriengebiete oder die
Landeshauptstadt Hannover, wo
mehr Wohnungen für die
Fremdbeherbergung genutzt
würden. Für Hildesheim müsse
die Satzung überarbeitet werden.
Oberbürgermeister Ingo Meyer räumte die anfänglichen
Zweifel der Verwaltung ein. Er
habe sich diesen Zweifeln
zunächst gebeugt, dabei eine
Zweckentfremdungssatzung an
sich aber schon immer befürwortet. Auf Wunsch der Ratsmehrheit habe die Verwaltung
nun eine Satzung so rechtssicher wie möglich entwickelt,
und er werde ihr zustimmen. Ein
wichtiger Punkt sei die Befristung auf drei Jahre, denn innerhalb dieser Zeit sei es nicht
möglich, den vorhandenen
Wohnungsmangel durch Neubau
zu beheben.
Meyer mahnte auch, keine
unnötigen Ängste zu schüren.
Die Gegner der Satzung hatten
das Beispiel von Hausbesitzern
angeführt, die im Alter keine
Mieter mehr in ihrer Einlieger-
Klingeltunnel-Geländer hat einen neuen Anstrich
Hinter dem farbenfrohen Projekt steckt ein Experiment des Studenten Christian Stillger
HILDESHEIM. Was haben Ein-
kaufszentren, Flughäfen und
Bahnhofshallen gemeinsam?
Sie sind, so die Theorie des
französischen Anthropologen
Marc Augé, sogenannte NichtOrte. Vereinfacht gesagt, werden sie nur zu einem einzigen
Zweck genutzt, meist zum
Durchhuschen. Und das kann
dazu führen, dass man dort
seltener miteinander ins
Gespräch kommt. Ein Student
der HAWK ist aber überzeugt,
dass das beim Klingeltunnel
am Eingang der Marienburger
Höhe anders ist. Durch
Gestaltung wird daraus ein
Ort, sagt Christian Stillger.
Und er selbst will dazu beitragen.
Was abstrakt klingt, ist
eigentlich recht handfest: Seit
drei Wochen besprüht der 38Jährige die Streben am Geländer des Klingeltunnels und die
an der Unterführung in Richtung der Bushaltestelle Hardenbergstraße. Mal hoch auf
einer Leiter, mal in der Hocke.
Dabei entstehen Farbverläufe.
Ich will untersuchen, wie man
Farbe in unterschiedlichen
Geschwindigkeiten
wahrnimmt, erklärt er.
Der Ort scheint für Stillgers
Vorhaben wie gemacht: Radfahrende, Züge und Autoverkehr rauschen gleichermaßen
durch die Verkehrsschleifen
auf der Marienburger Höhe,
außerdem herrscht reger Fußverkehr. Je nach Richtung,
Licht und Tempo sieht man
andere Farben an den Gelän-
dern. Es ist vergleichbar
damit, wenn man im Zug sitzt
und die Schienen im Gleisbett
neben sich sehen kann,
beschreibt der Farbdesign-Student. Sobald man schneller
wird, wird eine Art Brei
daraus, eine optische Illusion.
Die Idee sei ihm allerdings
nicht beim Zugfahren gekom-
Christian Stillger trägt auch den Künstlernamen Chris Steel. Vor 25 Jahren
sprühte er am Hildesheimer Klingeltunnel noch Graffiti jetzt will er
erforschen, wie Farbe im Vorübergehen wirkt. FOTO: NATHALIE BENKENDORF
men, sondern bei der Arbeit in
einer Druckerei. Da gibt es
sogenannte Lentikularfolien,
die erzeugen beim Wackeln
Bildeffekte.
Oft gebe es bei gestalterischen Studienarbeiten nur die
Theorie Stillger hingegen
wollte etwas wirklich umsetzen, die Farben am Klingeltunnel sind seine Bachelor-Arbeit.
Zu der Unterführung habe er
zudem eine besondere Bindung. Ich habe hier schon vor
25 Jahren gesprüht, sagt der
Hildesheimer. Damals seien es
eher klassische Graffitimotive
gewesen. Aber ich habe da
schon gemerkt, dass sich Menschen über etwas Farbe freuen. Die Fläche am Klingeltunnel ist außerdem zum Sprühen
von der Stadt freigegeben.
Parallel führt Stillger ein
Reaktionsbuch, in das Passanten bei Interesse eintragen
können, wie sie sein Projekt
wahrnehmen. Er selbst hat
noch nicht reingesehen. Aber
manche sprechen mich auch
an, da waren bis jetzt alle
Reaktionen positiv. Und dann
komme man gelegentlich auch
mal ins Gespräch. So entsteht
also ein Ort.
orf
wohnung wünschten oder Menschen, die eine Praxis im eigenen Haus zulasten der eigenen
Wohnfläche vergrößern wollten.
Diese Fälle dürfe die Satzung
nicht von vornherein ausschließen, so Meyer. Doch mit der
vorgesehenen halben Personalstelle könne die Stadt nur
machen, was offenkundig und
notwendig ist, und werde sich
um die großen Leerstände kümmern und nicht auf die Suche
gehen nach Einzelnen, die mal
ein halbes Jahr ihre Wohnung
leer stehen ließen. Sein Appell:
Lasst es uns ausprobieren.
Die Satzung wurde mit den
25 Stimmen von Oberbürgermeister Meyer, der SPD, der
Grünen, der Linken sowie
Hamun Hirbod (PARTEI) und
Jens Schulte-Koch (parteilos)
beschlossen. Dagegen stimmten
18 Ratsmitglieder von CDU,
Gemeinsam plus, FDP und AfD.
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